So arbeiten wir in 10 Jahren – oder doch nicht?
Wenn ich über den Arbeitsplatz der Zukunft nachdenke, merke ich immer wieder: Wir reden unglaublich gern über Technik – aber viel zu selten darüber, was das eigentlich mit uns Menschen und unseren Arbeitsräumen macht. Tastatur weg, Monitor weg, alles per Sprache, Brille oder Gedankensteuerung? Klingt spannend. Aber ist das wirklich realistisch? Und vor allem: Wie verändert das unsere Büros? In diesem Beitrag möchte ich meine Gedanken dazu teilen – aus Gesprächen, aus Projekten und aus der ganz praktischen Erfahrung heraus, wie Menschen heute tatsächlich arbeiten.
Verschwindet die Tastatur wirklich?
Die kurze Antwort: Nein. Zumindest nicht in den nächsten fünf bis zehn Jahren.
Aber: Sie verliert an Bedeutung.
Sprache statt Tippen
Ich beobachte schon jetzt, dass Spracheingabe immer wichtiger wird. Gerade im Umgang mit KI wird kaum noch klassisch getippt. Komplexe Gedanken, Zusammenhänge oder Prompts spricht man ein – schneller, präziser und oft auch kreativer.
Die Tastatur wird damit eher zum Hilfswerkzeug. Ein Mittel, um etwas zu starten oder zu korrigieren. Nicht mehr das zentrale Eingabegerät, das sie jahrzehntelang war.
Das eigentliche Problem: Geräusche
Und genau hier beginnt das nächste Thema. Wenn wir mehr sprechen statt tippen, wird das Büro automatisch lauter. Was heute im Dreier- oder Viererbüro noch halbwegs funktioniert, stößt schnell an Grenzen, sobald mehrere Personen gleichzeitig mit digitalen Assistenten sprechen.
Die Frage ist also weniger: Welche Technik nutzen wir?
Sondern vielmehr: Wie müssen Büros gebaut sein, damit diese Technik überhaupt sinnvoll genutzt werden kann?
Das Büro der Zukunft ist kein Schreibtisch mehr
Ich glaube nicht, dass der klassische Schreibtischarbeitsplatz komplett verschwindet. Aber er verliert seine Dominanz.
Weg vom festen Desk
Arbeit wird mobiler, situativer und aufgabenbezogener. Mal brauche ich Ruhe und Fokus, mal Austausch, mal einen Ort, an dem ich sprechen kann, ohne andere zu stören. Das bedeutet:
- weniger feste Arbeitsplätze
- mehr Rückzugsorte
- mehr Telefon- und Fokusboxen
- mehr flexible Zonen statt starrer Raumaufteilungen
Das Büro wird damit weniger ein Ort zum „Sitzen“, sondern ein Raum zum Arbeiten in Bewegung.
Räume für Sprache und Konzentration
Wenn Spracheingabe, Videocalls und KI-Assistenten Alltag werden, brauchen wir Räume, die genau dafür gemacht sind. Gute Akustik, visuelle Abschirmung und klare Nutzungszonen werden wichtiger als Design-Gimmicks.
Verschwindet der Monitor vor der Tastatur?
Eine These, die ich bewusst provokant in den Raum stelle:
Bevor die Tastatur verschwindet, verschwindet der Monitor.
Datenbrillen & Augmented Reality
Sobald AR-Brillen alltagstauglich werden, tragen wir unseren Bildschirm nicht mehr vor uns – sondern mit uns. Informationen schweben im Raum, werden eingeblendet, überlagert oder kontextabhängig angezeigt.
Das verändert alles:
- Ich kann im Stehen arbeiten
- im Gehen denken
- den Arbeitsort jederzeit wechseln
Der Arbeitsplatz wird dadurch komplett entkoppelt vom Möbel.
Technik allein macht keinen guten Arbeitsplatz
Was mir bei all diesen Zukunftsvisionen wichtig ist: Technik darf kein Selbstzweck sein.
Fancy reicht nicht
Eine Rutsche im Büro, ein Bällebad oder Sitzsäcke machen noch keinen guten Arbeitsplatz. Das sehen wir immer wieder. Menschen sind erstaunlich pragmatisch. Sie fragen nicht: „Sieht das cool aus?“
Sondern: „Kann ich hier gut arbeiten?“
Der eigentliche Maßstab der Zukunft wird nicht sein, welche Gadgets im Büro stehen – sondern:
- Wie gesund arbeite ich hier?
- Wie lange sitze ich wirklich?
- Wie oft kann ich mich bewegen?
- Wie gut kann ich konzentriert arbeiten?
Blick nach Asien: Technik ja – Mindset entscheidet
Ich werde oft gefragt, ob andere Länder – gerade in Asien – beim Arbeitsplatz der Zukunft weiter sind. Meine ehrliche Antwort: technisch ja, menschlich nicht unbedingt.
Europa ist weiter, als wir denken
Gerade beim Thema Work-Life-Balance sind wir in Europa deutlich weiter. Für uns ist es selbstverständlich, Feierabend zu haben, Pausen zu machen, Arbeit und Privatleben zu trennen. In anderen Ländern ist das noch lange keine Normalität.
Das ist kein Nachteil. Im Gegenteil. Ich halte dieses Mindset für einen der wichtigsten „Exportschlager“, die wir haben.
Testfelder statt Perfektion
Was wir von Ländern wie China oder Singapur lernen können, ist der Mut zum Testen. Dort wird ausprobiert, skaliert, verworfen – ohne jahrelange Diskussionen. Nicht alles davon ist übertragbar, aber der Wille zur Vision fehlt uns hier manchmal.
Der Arbeitsplatz der Zukunft beginnt nicht mit Technik
Was ich aus all dem mitnehme:
Der Arbeitsplatz der Zukunft beginnt nicht mit AR-Brillen, KI oder Gedankensteuerung.
Er beginnt mit einer Frage:
Wie wollen wir eigentlich arbeiten – und wie geht es uns dabei?
Erst danach kommen Räume, Möbel und Technologien. Wenn wir das umdrehen, bauen wir schöne Büros, die am Menschen vorbeigehen.
Zukunft ist weniger Science-Fiction, als wir denken
Viele Ideen, über die wir heute sprechen, gab es in Filmen und Büchern schon vor Jahrzehnten. Die Technik holt auf – aber der Mensch bleibt der entscheidende Faktor. Ich glaube, dass wir in zehn Jahren nicht völlig anders arbeiten werden. Aber bewusster. Beweglicher. Gesünder. Und genau darauf sollte Büroplanung heute schon Antworten finden.
